Zimmermann-Telegramm

Das Zimmermann-Telegramm, auch Zimmermann-Depesche genannt, war ein verschlüsseltes Telegramm des damaligen deutschen Staatssekretärs des Auswärtigen Amts, Arthur Zimmermann vom Januar 1917 an den deutschen Gesandten in Mexiko. Es wurde dabei über die deutsche Botschaft in Washington, D.C. geleitet.

Geschichtlicher Hintergrund

Anfang 1917 sah sich das deutsche Kaiserreich mit einer britischen Seeblockade konfrontiert, die die wichtigen Seehandelswege nach Deutschland blockierten und so dessen Versorgung abschnitt.

Die Blockade unterbindet nicht nur wichtige Rohstoffimporte, sondern auch dringend benötigte Nahrungsmitteleinfuhren nach Deutschland, was so weit führt, dass im sogenannten Steckrübenwinter 1916/17 selbst Kartoffeln und Brot rationiert werden müssen und viele Deutsche verhungern.

Deutschland beschließt Anfang 1917, die Briten ebenfalls von der Versorgung aus Übersee abzuschneiden und zum Frieden zu zwingen. Dazu will es den unbeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufnehmen, den sie als einzige wirksame Gegenmaßnahme gegen die britische Seeblockade betrachtete. Den hatte man 1915 pausiert, nachdem man die "Lusitania" mit zahlreichen amerikanischen Passagieren an Bord im Jahr 1915 versenkt hatte und man befürchten musste, dass bei weiteren Vorfällen die USA Kriegsgegner werden könnte. Denn man sah die Versenkung von Schiffen ohne Warnung als völkerrechtswidrig an. Allerdings vertraten die Deutschen die Auffassung, dass die Seeblockade gegen sie ebenfalls völkerrechtswidrig sei.

Um sich schon im Vorfeld gegen den Fall des Kriegseintritts der USA zu wappnen, dachte man ein Militärbündnis mit Mexiko an, welches man als Telegramm verschickte, da die Übermittlung mittels eines deutsches U-Boot an technischen Schwierigkeiten scheiterte.

Die Depesche an den mexikanischen Präsidenten


Ziel des des Militärbündnisses mit Mexiko sollte sein, Mexiko als Mitkämpfer auf dem amerikanischen Kontinent zu gewinnen. Man schlug vor, dass Mexiko seine Gebiete, die es im Vertrag von Guadalupe Hidalgo verloren hatte, wieder zurückerobert und versprach reichliche finanzielle Unterstützung dazu. Mexiko hatte 1848 nach dem Mexikanisch-Amerikanischen Bürgerkrieg über 40 Prozent seines Territoriums (Kalifornien, Nevada, Arizona, New Mexico, Utah sowie Teile von Colorado und Wyoming) abtreten müssen. Deutschland hoffte wohl, so die USA in einen Krieg mit Mexiko verwickeln zu können, der viele Ressourcen binden würde und sich so nicht auf einen Krieg gegen Deutschland konzentrieren könnte.

Das Verschicken als Telegramm stellte ein Problem dar, denn die Entente-Mächte hatte schon zu Beginn des 1. Weltkrieges die deutschen Überseekabel unterbrochen. Also blieb nur die Möglichkeit, "neutrale" Kabel zu nutzen. Das hieß aber, dass das Telegramm höchstwahrscheinlich über ein amerikanisches Kabel, das über Großbritannien läuft, übermittelt werden würde.

Also wurde das Telegramm mit dem Codebuch namens "Chiffre 13040" verschlüsselt, das auch in Mexiko vorlag.


In Postziffern
Ganz geheim. Selbst entziffern.
Wir beabsichtigen, am 1. Februar
uneingeschränkten U Boot Krieg zu
beginnen.Es wird versucht werden,
Amerika trotzdem neutral zu erhalten.
Für den Fall, daß dies nicht gelingen
sollte, schlagen wir Mexico auf folgender
Grundlage Bündnis vor: Gemeinsame
Kriegführung, und Gemeinsamer Friedensschluß.
Reichliche finanzielle Unterstützung
und Einverständnis unsererseits, daß
Mexico in Texas, Neu-Mexico, Arizona
früher verlorenes Gebiet zurückerobert.
Defensivbündnis nach Friedensschluß, wo-
fern es Mexico gelingt, japan in Bünd-
nis einzubeziehen.
Regelung im
Einzelnen Ew. [Euer] p[raemissis]p.[raemittendis]
überlassen.


Das verschlüsselte Telegramm

Verschlüsselt enthält das Telegramm nur noch Absender, Empfänger und für den Text drei- bis fünfstellige Zahlen:
GERMAN LEGATION MEXICO CITY 130 13042 13401 8501 115 3528 416 17214 6491 11310 18147 18222 21560 10247 11518 23677 13605 3494 14936 98092 5905 11311 10392 10371 0302 21290 5161 39695 23571 17504 11269 18276 18101 0317 0228 17694 4473 22284 22200 19452 21589 67893 5569 13918 8958 12137 1333 4725 4458 5905 17166 13851 4458 17149 14471 6706 13850 12224 6929 14991 7382 15857 67893 14218 36477 5870 17553 67893 5870 5454 16102 15217 22801 17138 21001 17388 7446 23638 18222 6719 14331 15021 23845 3156 23552 22096 21604 4797 9497 22464 20855 4377 23610 18140 22260 5905 13347 20420 39689 13732 20667 6929 5275 18507 52262 1340 22049 13339 11265 22295 10439 14814 4178 6992 8784 7632 7357 6926 52262 11267 21100 21272 9346 9559 22464 15874 18502 18500 15857 2188 5376 7381 98092 16127 13486 9350 9220 76036 14219 5144 2831 17920 11347 17142 11264 7667 7762 15099 9110 10482 97556 3569 3670 BERNSTORFF.* Charge German Embassy.
Absender war Graf Johann von Bernstorff, deutscher Botschafter in den USA. Empfänger war der deutsche Botschafter in Mexiko, Heinrich von Eckardt.

Die Entschlüsselung des Telegramms

Dummerweise (für die Deutschen) wurde das Telegramm vom britischen Marinegeheimdienst abgefangen und entziffert, denn offenbar verfügte man dort auch über ein Exemplar des entsprechenden Codebuchs, wenn auch nicht in der aktuellsten "Auflage". Dadurch ließ sich aber ein beträchtlicher Teil bereits dekodieren:
Streng geheim Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges auf den ersten Februar festgesetzt stop Bemühen uns trotzdem die Vereinigten Staaten neutral zu halten stop (?) Sollte das nicht ... So machen wir (Mexiko?) einen Bündnisvorschlag auf folgender Basis: ... Kriegsführung ... Friedensschluß und ... Sie werden den Präsidenten ... So geheim wie möglich in Kenntnis setzen ... (Ausbruch des?) Krieges mit den Vereinigten Staaten ... (Japan) ... Vermitteln soll stop. Machen Sie bitte dem Präsidenten deutlich daß ... Unterseeboote ... England binnen weniger Monate zum Friedensschluß zu zwingen stop Bestätigen Sie Empfang Zimmermann
Die britischen Kryptoanalytiker von "Room 40" entdeckten, dass sich hinter "67893" das Wort "Mexiko" versteckte und warteten, bis der deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten das Telegramm neu verschlüsselt nach Mexiko weiterleitete, was mit einem älteren Codebuch geschah, über das der britische Geheimdienst bereits verfügte. Die Botschaft des vollständig entschlüsselten Telegramms lautete entsprechend:
Wir beabsichtigen, am ersten Februar uneingeschränkten U-Boot-Krieg zu beginnen. Es wird versucht werden, Amerika trotzdem neutral zu halten. Für den Fall, dass dies nicht gelingen sollte, schlagen wir Mexiko auf folgender Grundlage Bündnis vor. Gemeinsame Kriegführung. Gemeinsamer Friedensschluss. Reichlich finanzielle Unterstützung und Einverständnis unsererseits, dass Mexiko in Texas, Neu Mexiko, Arizona früher verlorenes Gebiet zurückerobert. Regelung im einzelnen Euer Hochwohlgeborenen überlassen. Euer Hochwohlgeborenen wollen Vorstehendes Präsidenten streng geheim eröffnen, sobald Kriegsausbruch mit Vereinigten Staaten feststeht, und Anregung hinzufügen, Japan von sich aus zu sofortigem Beitritt einzuladen und gleichzeitig zwischen uns und Japan zu vermitteln. Bitte Präsidenten darauf hinweisen, dass rücksichtslose Anwendung unserer U-Boote jetzt Aussicht bietet, England in wenigen Monaten zum Frieden zu zwingen. Empfang bestätigen. Zimmermann
Captain R.N. William Reginald Hall, der Chef des Marinegeheimdienstes, veranlasste nach der Entschlüsselung des Telegramms am 22. Februar 1917 (3) dessen Weiterleitung an die Regierung der Vereinigten Staaten unter Präsident Woodrow Wilson und regte an, ihre Neutralitätspolitik zu überdenken.

Am 1. März 1917 gab der US-amerikanische Außenminister den Inhalt des Telegramms der Presse bekannt und am 2. April 1917 bat Präsident Woodrow Wilson den Kongress um die Kriegserklärung an Deutschland.

War das Telegramm Grund für den Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg?

Sicher trug das Telegramm seinen Teil dazu bei, dass die USA in den 1. Weltkrieg eintraten. Allerdings teilte Deutschland schon im Januar selbst den USA mit, dass Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufnehmen würde. Das war, bevor die USA von dem entschlüsselten Telegramm am 22. Februar erfuhren. Als direkte Folge der U-Boots-Mitteilung Deutschlands verkündete Präsident Wilson am 3. Februar im Kongress den Abbruch der diplomatischen Beziehungen.

Zu dieser Situation sagte der deutsche Botschafter Johann Heinrich Graf von Bernstorff 1919 mündlich im Reichstags-Untersuchungsausschuss zur Kriegsschuldfrage
Johann Heinrich Graf von Bernstorff, 1919

Damit war der Krieg entschieden, wenn er auch nicht gleich erklärt wurde. Alles, was folgte, war nur noch Kriegsvorbereitung oder Kriegspropaganda. Nichts außer der Preisgabe des U-Boot-Kriegs hätte den Krieg verhindern können. Vielfach ist behauptet worden, dass die berüchtigte Mexiko-Depesche den Krieg mit den Vereinigten Staaten herbeigeführt hätte. Ich halte diese Auffassung nicht für richtig. Die Depesche ist mit großem Erfolge propagandistisch gegen uns ausgenutzt worden, aber der Abbruch der diplomatischen Beziehungen war [...] nach Lage der Dinge unter allen Umständen gleichbedeutend mit Krieg.
Inwiefern die Zimmermann-Depesche nun zum Kriegseintritt der USA in den 1. Weltkrieg beigetragen hat, darüber lässt sich also spekulieren.

Die Codebücher der Deutschen

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges waren die Verschlüsselungstechnik des Deutschen Reiches noch nicht sehr fortgeschritten. Man benutzte Codebücher, in denen jedes Wort mit einer Zahl beschrieben wurde. So wurde etwa das Wort "Bodenstück" als Zahl "53431" verschlüsselt, "Bodenventil" als "53432" und "Bohrer" als "53442". Man erkennt die alphabetische Abhängigkeit von Wort und Zahl. Näheres dazu auch im Artikel Nomenklatoren.

Die deutsche Marine benutzte zu dieser Zeit das Signalbuch der Kaiserlichen Marine (SKM) vom 7. Januar 1913. Auf allen Kriegsschiffen wurden mehrere derartige Bücher mitgeführt, um Funksprüche zu ver- und entschlüsseln.

Das war auch auf dem Kreuzer Magdeburg der Fall. Dieser lief am 26. August 1914 bei der estnischen Insel Odinsholm als Folge von Kriegshandlungen auf Grund. Dabei wurden nicht alle Codebücher durch Verbrennen vernichtet und so fielen zwei (oder drei, je nach Quelle) intakte Signalbücher russischen Marinetauchern, die das Wrack genauer untersuchten, in die Hände.

Eines der Codebücher wurde im Oktober 1914 dem britischen Marineminister Winston Churchill durch russische Offiziere übergeben. Es wurde daraufhin der "Room 40", eine Abteilung zur Entzifferung von deutschen Funksprüchen, geschaffen. Eine Grundlage hatte man mit dem Codebuch ja jetzt. Der Room 40 wuchs und beschäftigte über achthundert Funker und fast achtzig Kryptologen. Diese schafften es weiteres Geheimmaterial zu erbeuteten (etwas das Handelsschiffsverkehrsbuch und das Diplomatische Codebuch 13040) und damit, die geheimen Nachrichten ohne Wissen der deutschen Seite zu entziffern.

Auch zum Zeitpunkt der Übermittlung der Zimmermann-Depesche war den Deutschen nicht bewusst, dass die Briten den Code knacken können. Sie hielten ihnen nach wie vor für sicher.

Die Entzifferung des Zimmermann-Telegramms ist also auch den britischen Beziehungen zu Russland zu verdanken, aber vor allem dem Room 40, aus dem der heutige britische GCHQ hervorgegangen ist.

Quellen, Literaturverweise und weiterführende Links